Selbstregulationsblog

selbstkonzept

Grundannahmen des Modells

 

  1. Die Anordnung der Bereiche des Selbstkonzepts ist in gewisser Weise willkürlich. Das Modell soll einfach dazu dienen, einen Überblick zu bekommen, ohne dass damit theoretische Details beschrieben sind.
  2. Im Idealfall bilden die Teile des Selbstkonzepts eine harmonische Einheit.
  3. In der Realität können sich in jedem Teilbereich Unklarheiten und Widersprüche zeigen. Die Teilbereiche können untereinander auf vielfältige Weise konfliktbesetzt sein.
  4. Jeder Teilbereich hat einen sozialen Bezug, ist durch Sozialisationseinflüsse, soziale Vergleichsprozesse, aktuelle Situationen und aktuelle Beziehungen in vielfältiger Weise beeinflusst.
  5. Konflikte innerhalb des Selbstkonzepts können soziale Konflikte auslösen und umgekehrt.
  6. Einzelne Merkmale in den verschiedenen Bereichen des Selbstkonzepts sind variabel, andere nicht. Das Geburtsdatum und das kalendarische Alter lassen sich nicht verändern – Wünsche und Bedürfnisse, Ziele und die Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale können sich dagegen in einem bestimmten Rahmen verändern.
  7. Bei einzelnen Merkmalen in den verschiedenen Bereichen des Selbstkonzepts lässt sich durch Beobachtung und Messverfahren ein intersubjektiver Konsens erreichen (wie schnell jemand 100m laufen kann, lässt sich mit der Stoppuhr feststellen), bei anderen besteht nur die Möglichkeit, sie subjektiv (mehr oder weniger genau) einzuschätzen. Bei Merkmalen, die einer Einschätzung bedürfen, können Selbst- und Fremdwahrnehmung erheblich voneinander abweichen.

 

Mögliche Probleme

 

Die Probleme, die sich innerhalb der Bereiche und zwischen ihnen ergeben können, lassen sich grob in drei Kategorien einordnen:

 

  1. Unklarheit, die sich im Bewusstsein als Nicht-Wissen zeigt: ich weiß nicht, wer ich bin, was ich brauche, was ich will… usw.
  2. Widersprüchlichkeit, die sich im Bewusstsein als mehr oder weniger klar formulierbarer Konflikt zeigt: ich will etwas, aber ich kann es nicht oder darf es nicht, ich will etwas Bestimmtes aber auch etwas Anderes (und beides gleichzeitig geht nicht) usw…
  3. Fehlender oder konfliktbesetzter Realitätsbezug als Täuschung über Merkmale, Möglichkeiten, Fähigkeiten, Rechte usw. oder Abweichungen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, die das Selbstkonzept in Frage stellen.

 

Ansatzpunkte zur Klärung und Problemlösung

 

  1. Anleitungen zum Nachdenken: konkrete Fragestellungen zur Klärung der je eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Absichten und Ziele; Anleitungen zur Aneignung und Reflexion der je eigenen Lebensgeschichte
  2. Objektive Testverfahren zur Einschätzung der Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale im Vergleich zu anderen Personen
  3. Soziale Kontakte und Übungen zur Klärung widersprüchlicher Aspekte des Selbstkonzepts (Rückmeldungen als Fremdeinschätzungen, Meinungsaustausch etc.)
  4. Methoden der Realitätsanalyse (Informationen sammeln und auswerten, um über Möglichkeiten und Grenzen des je eigenen Verhaltens nähere Auskunft zu erlangen)

 

Veränderungen im Bereich des Selbstkonzepts sind nicht notwendigerweise mit einer Änderung des Selbst verbunden!

 

Klärungsfragen

 

1. Brauche ich, was ich zu brauchen glaube? Wie realistisch ist das Bild meiner Bedürfnisse?

2. Kann ich, was ich zu können glaube? Was kann ich wirklich? In welchen Bereichen möchte ich meine Fähigkeiten überprüfen oder erweitern?

3. Will ich wirklich, was ich zu wollen glaube? Sind meine Absichten klar und in sich stimmig? Verfolge ich Ziele, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen und deshalb zu Konflikten führen?

4. Muss ich, was ich zu müssen glaube? Setze ich mich selbst mit überhöhten Ansprüchen unter Druck, denen ich nicht gerecht werden kann? Lasse ich mich von anderen unter Druck setzen und überfordern? Wo kann ich, muss ich Grenzen setzen? Nehme ich meine Verpflichtungen (in welchem sozialen Zusammenhang?) realistisch wahr?

5. Bin ich, was ich zu sein glaube? Wie realistisch ist die Selbsteinschätzung meiner Persönlichkeitsmerkmale?

6. Darf ich, was ich zu dürfen glaube? Wie realistisch ist meine Einschätzung dessen, was in einem bestimmten sozialen Zusammenhang erlaubt oder erwünscht ist?

 

Die soeben genannten Klärungsfragen können Selbstzweifel auslösen bzw. verstärken und sind dann kontraproduktiv. Konstruktive Prozesse lassen sich erkennen, wenn…

individuelle Bedürfnisse klar zum Ausdruck gebracht werden können,

Fähigkeiten und Fertigkeiten real vollzogen und beobachtbar sind (damit auch von anderen bestätigt werden kann, dass diese Fähigkeiten vorhanden sind),

Absichten und Ziele deutlich formuliert und in sich schlüssig sind,

Anforderungen in einer bestimmten sozialen Situation durch Hinweise bzw. Äußerungen relevanter Bezugspersonen bestätigt werden,

…die Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale durch geeignete Testverfahren oder Beurteilungsgrundlagen fundiert ist,

…das in einem bestimmten sozialen Zusammenhang Erlaubte, also reale Handlungsmöglichkeiten und Rechte (auch in einem juristischen Sinn) durch relevante Bezugspersonen bestätigt ist.

 

Selbstkonzept, Selbstsicherheit und Selbst-Bewusstsein

 

Selbst-Bewusstsein lässt sich konkret beschreiben mit Aussagen der Form „ich weiß, dass ich…“ (also: „ich weiss, was ich will – ich weiss, was ich kann“ usw.). Selbst-Bewusstsein als Klarheit über sich selbst zeigt sich in selbstsicherem Verhalten. In jedem Bereich sind Selbsteinschätzungen mit Gefühlen verbunden – die Klärung und Stabilisierung des Selbstkonzepts kann in verschiedenen Zusammenhängen ein wertvolles Ziel sein. Ängste lassen sich abbauen, wenn eigene Fähigkeiten entwickelt und (an-)erkannt werden, depressive Zustände lassen sich abbauen, wenn Selbstvertrauen und Optimismus durch ermutigende Erfahrungen (wieder) wachsen, Mobbingerfahrungen lassen sich zum Teil verstehen als „sozial bedingte Kompetenzdefizite“, die nicht durch einen Verlust von Fähigkeiten, sondern durch Beschädigungen des Selbstkonzepts (insbesondere des Selbstkonzepts der Fähigkeiten) entstehen. Essstörungen werfen die Frage auf, wie präzise die körperlichen Bedürfnisse (insbesondere Hunger und Sättigung) erkannt und berücksichtigt werden. Dissozialität lässt sich verstehen als verzerrte Wahrnehmung bzw. Ignoranz des (sozial und/oder juristisch) Erlaubten.

 

Sinn und Zweck des Modells ist es, Probleme konkreter beschreiben zu können und Selbst-Bewusstsein als „Bewusstsein von sich selbst“ bzw. das Wissen von sich selbst (sprich: vom je eigenen Selbst) zu entwickeln. Es scheint, als ob die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls in sehr vielen Problembereichen hilfreich ist – dann aber lohnt es sich auch, sich ausführlich mit diesem Thema zu beschäftigen.

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Auf der Suche nach einem möglichst einfachen Modell, das dennoch umfassend anwendbar ist, kam folgende Systematik potentiell problematischer Schemata (also: Muster) zustande. Wie in vielen Bereichen des Lebens liegt auch hier der Gedanke zugrunde, dass es für alles ein „gesundes Maß“ gibt. Der Körper braucht eine bestimmte Temperatur, zuwenig läßt ihn frieren, zu viel eben schwitzen oder fiebern. Bei den Mustern des Selbst sehe ich das ähnlich: es gibt einen gesunden Bereich, Störungen sind häufig beschreibbar durch ein Zuviel oder Zuwenig bezogen auf ein bestimmtes Merkmal.

Das Grundmodell ist der Alltagssprache angenähert, in der Hoffnung, dadurch allgemein verständlich zu sein. Die Formulierungen beginnen jeweils mit

  • ich bin…
  • ich brauche…
  • ich kann…
  • ich darf…

Problematische Schemata lassen sich provisorisch mit „zuviel“ oder „zuwenig“ beginnen, also

  • ich bin (zu wenig oder zu viel…) nicht gut genug oder so besonders, dass ich entweder überhaupt nichts verdient habe oder mir alles erlauben kann…
  • ich brauche (zu wenig oder zu viel…) im Grunde nichts, verzichte also auf sehr viel oder brauche ganz besondere Dinge, die andere nicht brauchen…
  • ich kann (zu wenig oder zu viel…) zu wenig, bin also unfähig, nichts wert oder zu viel, überschätze also meine Fähigkeiten…
  • ich darf (zu wenig oder zu viel…) vieles nicht, was ich möchte, fühle mich also eingeschränkt und unterdrückt oder zu viel, erlaube mir also mehr als mir zusteht oder habe keinen Rahmen, der mir Grenzen setzt.

Tauglich ist das Modell vor allem dann, wenn sich alle Schemata, die in der Literatur im Zusammenhang mit psychischen Störungen beschrieben werden, einordnen lassen. Jedes Symptom, das als Diagnosekriterium für bestimmte Störungen gilt, müsste mit einem dieser Schemabereiche in Verbindung stehen. Aber selbst dann, wenn es sich erweisen sollte, dass das Modell diesen Ansprüchen nicht genügt, lassen sich doch viele zentrale Problembereiche beschreiben. Dabei sind nicht nur einzelne Schemabereiche von Bedeutung, die Muster können auch in vielfältiger Weise miteinander verbunden sein – abhängige Beziehungsgestaltung läßt sich verstehen aus der Vorstellung „ich bin nicht genug oder zu schwach, ich kann zu wenig“ und deshalb „brauche ich andere Menschen, die diese Schwäche ausgleichen“.
Narzisstische Tendenzen lassen sich beschreiben als Resultat der Vorstellungen „ich bin etwas ganz Besonderes“ und deshalb „darf ich mir mehr erlauben als andere“ oder „kann mehr als andere“ oder „verdiene besondere Vorrechte, eine Sonderbehandlung, die anderen nicht zusteht“. Ängste lassen sich verstehen als Resultat von Denkmustern, die die eigene Überforderung beschreiben: „ich weiß nicht, wie ich mit bestimmten Situationen zurecht kommen soll und das macht mir Angst“. Usw…

Mit diesen Schemata ist die Vorstellung verbunden, dass das Ich das Selbst einschätzt – sich dabei aber auch täuschen kann. Die kritische Distanzierung des Ich vom Selbst macht es möglich, solche Denkmuster in Frage zu stellen.

  • Schätze ich mich selbst richtig ein? Stimmen meine Vorstellungen von den Eigenschaften, und Persönlichkeitsmerkmalen, die ich mir selbst zuschreibe?
  • Schätze ich meine Bedürfnisse richtig ein und bringe sie auch in angemessener Form zum Ausdruck? Sind die Bedürfnisse, die ich in mir selbst wahrnehme, wirklich meine eigenen und sind sie angemessen?
  • Schätze ich mein Können richtig ein? Stimmt die Einschätzung meiner Fähigkeiten und Fertigkeiten, ist meine Selbsteinschätzung im Vergleich zu anderen angemessen?
  • Schätze ich die Werte, Normen und Regeln richtig ein, an denen ich mich orientiere? Sind meine Werte wirklich meine Werte, die Normen und Regeln (noch) angemessen oder geprägt von einer Situation, die ich (etwa als Kind) nicht durchschauen konnte, in der ich also das übernehmen musste, was mir vermittelt wurde, weil ich selbst nicht darüber nachdenken und entscheiden konnte?

Diese Denkweise ist kein Widerspruch zur Vorstellung, dass dort wo „Es“ war „Ich“ werden soll. Es ist kein Widerspruch zu der Vorstellung, dass die Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte und die dadurch angeregte Selbstexploration in der Psychotherapie sehr wichtig sei. Es ist auch kein Widerspruch zu der Vorstellung, dass bestimmte kognitive Prozesse bei psychischen Störungen eine Rolle spielen und deshalb in der Therapie verändert werden sollten. Es ist kein Widerspruch zu einer beziehungsorientierten oder systemischen Betrachtungsweise, denn solche Schemata sind sehr wahrscheinlich in einer konkreten Beziehung, in einem bestimmten sozialen System entstanden und wirksam. Es ist auch kein Widerpruch zu der Vorstellung, „Verhalten in Situationen“ zu betrachten, denn dort erst zeigt sich die Bedeutung und ihre mögliche Einschränkung der Erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten. Und – es ist kein Widerspruch zur Anwendung der ICF mit ihrer Berücksichtigung der Aktivitäten und der Möglichkeit, am sozialen Leben teil zu haben.

Wenn solche Schemata im Rahmen der Verhaltenstherapie untersucht werden, dann wird dabei auch vorausgesetzt, dass sie nicht unmittelbar dem Bewusstsein zugänglich sein müssen. Vielleicht sind Formulierungen als mögliche Beschreibungen hilfreich, um die Hintergründe und die Dynamik problematischer Verhaltensweisen zu verstehen. Dann lässt sich auch mit Recht der altbekannte Vorwurf zurückweisen, die Verhaltenstherapie sei oberflächlich und würde nicht an die Wurzeln der Probleme gehen. In gewisser Weise wird also auch hier „gedeutet“ – es geht um eine Interpretation innerer Prozesse, die konkrete Schwierigkeiten nachvollziehbar, erklärbar und verständlich macht.

Letzten Endes muss es aber auch darum gehen, auf einer konkreten Ebene etwas Neues – das bedeutet auch: neues Verhalten – zu entwickeln, um angemessenere Schemata zu entwickeln und als festen Bestandteil des Selbst zu integrieren. Als Gesamtheit führen diese Veränderungen zu einer realistischeren Vorstellung von dem „was ich bin (und nicht bin), was ich brauche (und was ich nicht brauche), was ich kann (und was nicht) und was ich darf (also mir auch selbst zugestehen kann und was nicht – was ich mir aus gutem Grunde nicht erlauben will)“ 

Die Formulierungen zum Thema „ich bin“ können einer Veränderung im Wege stehen. Wer von sich sagt: ich bin depressiv oder ich bin ängstlich oder ich bin süchtig oder ich bin psychotisch (oder was auch immer), identifiziert sich mit den problematischen Aspekten des Selbst. Therapieerfolge bedeuten dann, die eigene Identität zu verlieren. Wenn ich nicht mehr dieses oder jenes bin, das ich war, wer bin ich denn dann? Diagnosen als „Feststellungen“ über das, was jemand „ist“ werden dann zum Stolperstein und verhindern das, was erreicht werden soll. Störungen oder Krankheiten, die aus problematischen Muster, Schemata, Prozessen entstehen und mit ihnen verbunden sind, können dagegen auftauchen, sich verändern und sich auflösen, ohne dass die Identität dabei in Frage gestellt wird.

Essstörungen dürfen verschwinden, wenn ich meine eigenen Ernährungsbedürfnisse richtig wahrnehmen kann und darf und mein Verhalten diesen Bedürfnissen Rechnung trägt. Ängste dürfen nachlassen, wenn ich fähig werde und den Mut finde, schwierigen Situationen zu begegnen. Suchtmittel werden verzichtbar, wenn die echten oder vermeintlichen Bedürfnisse, für die sie eingesetzt werden, auf anderen Wegen befriedigt werden.
Dissozialität kann echten Beziehungen weichen, wenn anderen Menschen Rechte zugestanden werden und ihr Erleben als wichtig für die eigene Person erkannt wird.
Depressive Zustände dürfen Freude wieder zulassen, wenn ich mich von dem ablösen kann, was mir andere einreden wollten und mit der Überzeugung leben kann, dass ich mit meinem Leben sein darf, Anerkennung und Wertschätzung verdiene. Die Persönlichkeit darf sich entwickeln, wenn das Bild, das ich von mir selbst (oder: meinem Selbst) habe, realistischer wird und gleichzeitig von innen und von aussen Impulse aufnehmen kann, die Lernen, Wachstum und Reifung bedeuten.

Diese Denkweise steht nun wirklich zu manchen Vorstellungen im Widerspruch – es ist eine Absage an Persönlichkeitsmodelle, die von einer festen, über die gesamte Lebensspanne konstanten Struktur, einer womöglich genetisch vollständig determinierten Ansammlung von Eigenschaften ausgehen. Wenn Therapie überhaupt möglich ist, dann muss auch Veränderung möglich sein – und dann kann das Selbst in bestimmten Bereichen und innerhalb bestimmter Grenzen auch neue Strukturen finden oder entwickeln, Persönlichkeit sich in veränderten oder neuen Prozessen des Erlebens und Verhaltens zeigen.

Was ist los? Anlaß für eine Psychotherapie ist meist eine Situation, die nicht mehr auszuhalten ist. Da gibt es mindestens ein Problem, eines, das allein nicht mehr zu bewältigen ist. Verschiedene Therapieansätze stellen Probleme in einen jeweils anderen Rahmen, setzen Schwerpunkte und verwenden Modelle, um das, „was los ist“ zu beschreiben. Dieser Organizer zur Situationsanalyse ist ein Versuch, möglichst viele Analysemodelle zu ordnen und in ein übersichtliches System zu integrieren. Dabei läßt es sich nicht vermeiden, dass sich einzelne Elemente überschneiden. Der Grundgedanke beruht auf der Erkenntnis, dass man mit einem Hammer eben keine Schraube drehen kann – jedes Handwerk braucht mehrere Werkzeuge, um etwas herzustellen oder zu reparieren. Analytische Modelle sind Denk-Werkzeuge, die helfen können, Probleme genauer zu beschreiben, Ansatzpunkte für Veränderungen zu finden, Lösungen zu entwickeln.

Problemstrukturanalyse – ein Blick auf die gesamte Lebenssituation

Verhaltensanalyse – Methoden zur Analyse problematischer Verhaltensweisen

Schemaanalyse – Muster, die das Erleben und Verhalten bestimmen

Strukturanalyse (Psychodynamik) – Freud und so? Die Couch war gestern…

Ereignisanalyse (Attribution) – oder: wie erkläre ich mir etwas und was hat das mit meinem Befinden zu tun?

Prozessanalyse – problematische Abläufe erkennen und beeinflussen

Belastungsanalyse – Ursachen für Stress erkennen und bearbeiten

Ressourcenanalyse – starke Seiten an sich selbst entdecken, soziale Unterstützung suchen und finden

Gesprächsanalyse – sich selbst und andere besser verstehen, Gespräche gestalten

Rollenanalyse – erkennen, welche Rolle es spielt, welche Rolle man spielt und wie man sie spielt. Vor allem dort, wo das Spiel kein Spiel ist, sondern bitterer Ernst

Konfliktanalyse – im Clinch mit sich selbst und anderen Wege zur inneren Balance und zum Miteinanderstreiten finden

Organisationsanalyse – wie gesund sind eigentlich die Organisationen, in denen wir arbeiten, uns bewegen, wohl fühlen oder krank werden?

Soweit also das Rahmenkonzept. Es ist eine riesige Baustelle… und es wird eine ganze Weile dauern, bis darin etwas Brauchbares zu finden ist.

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Es gibt Menschen, die dazu neigen, viel zu tun und eher wenig nachzudenken. Andere denken eher viel nach und brauchen länger, bis sie sich entscheiden, etwas Bestimmtes zu tun. Die einen brauchen vielleicht eine Anleitung, um überhaupt einmal mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Andere sind vielleicht so sehr in ihre Gedankengänge verwickelt, dass sie eher eine Anleitung brauchen, aus den vielen Fallen, Verwicklungen und Verwirrungen wieder herauszufinden. Es kann nicht darum gehen, ständig und überall möglichst viel und über alles nachzudenken, beständig um sich selbst zu kreisen und in aller epischen Breite auch den dunkelsten Winkel der Psyche zu erforschen. Es gibt, wie bei so vielen Dingen, auch hier ein gesundes Maß. Und es sollte dabei nicht vergessen werden, dass zu den glücklichsten Momenten im Leben gerade die Selbstvergessenheit gehört, Momente also, in denen das Nachdenken über sich selbst völlig in den Hintergrund tritt, das Erleben sich auf das Geniessen konzentriert, die Gedanken einer Person oder einer Sache gewidmet sind, ein Hobby oder eine in irgendeiner Form angenehme Tätigkeit die ganze Aufmerksamkeit erfordert. Selbstreflexionsprozesse steuern zu lernen beginnt bei der schlichten Beobachtung. Herauszufinden, was ich denke, das ist noch relativ leicht. In diesem Nachdenken Ordnung zu schaffen, Strukturen zu erkennen, zu bemerken, wo sich die eigenen Gedanken verwickeln oder in die Irre laufen, das ist schon etwas schwieriger. Nehmen sie gar zwanghafte Züge an, drängen sich bestimmte Gedanken immer wieder auf und richten mehr Schaden als Nutzen an, bleibt als Grundprinzip früher oder später nur noch das innere Stopschild. Auch das ist ein Zeichen von Selbstreflexionskompetenz, dem „Denkwurm“ ein Ende setzen zu können. Nun kann man ja aus einem Studium der Psychologie so manche Weisheit mitnehmen, die in Seminaren und Vorlesung so kundgetan wird. Manches bleibt auch nach vielen Jahren erhalten, vielleicht weil es einfach und einprägsam ist. Eine dieser Weisheiten lautet:

Zum Denken braucht man Zeit.

Hab ich nicht. Zuviel zu tun. Kann ich mir nicht erlauben… Das sind Ausreden. Zeit hat man nicht, die nimmt man sich… wer glaubt, davon „wenig“ zu haben, braucht schon einen Grund, um über sich selbst nachzudenken. In der Regel gibt es einen Anlass, ein Problem, einen Konflikt, irgend etwas, das schwierig geworden ist und mit der eigenen Person zusammen hängt. Es mag auch die Frage nach der eigenen Identität sein: wer bin ich? Die Erkenntnis vielleicht, dass es „so nicht mehr weitergeht“, ohne dass dabei so klar ist, was da wie nicht mehr weiter gehen kann und vor allem – wie es denn nun anders weiter gehen könnte oder sollte. Zuerst aber brauchen wir einen Rahmen, einen Ort und einen Zeitraum, in dem das Nachdenken über sich selbst sein darf und sich in aller Ruhe entfalten kann. Die Bedürfnisse mögen sich dabei unterscheiden, aber Radio, Fernsehen, Handy, E-Mails oder eine überfüllte Kneipe sind für einen solchen Rahmen eher ungünstig. Nehmen wir also an – da zieht sich jemand zurück, um sagen wir für eine Stunde in aller Ruhe über sich selbst nachzudenken. Dass dabei irgend etwas herauskommt, ist keinesfalls sicher. Genauso schlau wie vorher, vielleicht noch genau so konfus wie vorher oder erst recht durcheinander… ohne ein Thema, ohne ein Ziel kann die Zeit leicht einfach so verstreichen. Das Anliegen, die eigenen Gedanken einfach zur Ruhe kommen zu lassen, ist natürlich auch ein Ziel und kann an sich schon wertvoll sein. Schließlich ordnet sich so manches auch von selbst. Genauer: das Selbst verfügt über Funktionen, die nicht erst erfunden werden müssen, sie sind bereits vorhanden.

Ich erinnere mich…. (an)….

Ich frage mich…(ob)…

Mit diesen beiden Formulierungen sind bereits konkrete Ansatzpunkte benannt. Ausgangspunkt des Nachdenkens über sich selbst kann ein konkretes Erlebnis sein, das aus irgendeinem Grund bedenkenswert erscheint. Vielleicht, weil es besonders schön war, vielleicht aber auch, weil es belastend war und Fragen aufwirft. Es soll ja Leute geben, die sich gern an bestimmte Dinge erinnern, Gegenstände in ihrer Umgebung aufbewahren, die Erinnerungen wachrufen, Fotos sammeln oder auf andere Weise – etwas für ihr Wohlbefinden tun. AN etwas zu denken, ohne DARÜBER nachzudenken, das ist auch Kunst. Das Schöne genießen, ohne es analytisch zu zergliedern und damit den Genuss zu verderben. Die analytischen Modelle sind eher gedacht für schwierige Situationen, unangenehme Erinnerungen, Situationen, die in eine bestimmte Rubrik gehören:

Das verstehe ich nicht.

Damit komme ich nicht klar.

Das kann ich nicht annehmen.

Modelle können sehr hilfreich sein, um Ereignisse und Erlebnisse zu verstehen. Etwas nicht zu verstehen kann bedeuten: das kann ich nicht einordnen. Das ergibt für mich keinen Sinn. Ich weiß nicht, was es bedeutet und welche Schlußfolgerungen ich daraus ziehen kann. Die Frage ist, ob das Nachdenken allein hier weiter hilft – leichter wird so manche Geschichte, wenn man sie erzählen kann, im Gespräch das Durcheinander, das sich in der eigenen Birne angesammelt hat, in eine ordnende Struktur bringen kann. Wer in einer solchen Situation auf die Bitte stößt, möglichst „am Anfang“ zu beginnen und dann „nach und nach“ zu erzählen, erkennt vielleicht die ordnende Struktur, die im Erzählen verborgen liegt. Die zeitliche Chronologie, der Ablauf in der Zeit, stellt ein Prinzip dar, Ereignisse zu ordnen, sie damit auch verständlicher zu machen. Das menschliche Bewusstsein bietet aber noch weitaus mehr Möglichkeiten… nicht nur, beinahe beliebig in der eigenen Biographie zu stöbern und dabei große Zeiträume zu überbrücken, sondern auch die Zeit gewissermaßen anzuhalten und einzelne Situationen genauer zu beleuchten. Das freie Assoziieren kann dabei so manches aufzeigen, das nicht so leicht zu erkennen ist – wenn jemand da ist, der diese Assoziationen zu deuten versteht. Modelle dienen dazu, mehr oder weniger unverständliche, belastende oder kritische Ereignisse zu ordnen, Zusammenhänge zu erkennen und damit auch mögliche Ansatzpunkte für Veränderungen zu finden. Die Idee, im Rahmen der Psychotherapie die Fähigkeit zu vermitteln, selbständig Verhaltensanalysen durchzuführen, hat eine lange Tradition. Der älteste Hinweis, den ich bisher finden konnte, geht auf das Jahr 1965 zurück. (GOLDIAMOND, I. (1965). Self-control procedures in personal behavior problems. In: Psychological Reports, 17, S. 851-868). Die klassische Verhaltensanalyse ist aber nur eine von mehreren Möglichkeiten, sich mit einer bestimmten Situation auseinanderzusetzen. Im Organizer (den gibt es demnächst) zur Situationsanalyse möchte ich im Laufe der Zeit mehrere Modelle darstellen, die alle dasselbe Ziel verfolgen: die Gedanken ordnen, Fragen systematisieren, Ansatzpunkte für Veränderungen finden.

Formen der Selbstreflexion: ist das Nachdenken über sich selbst ein Dialog?

Therapeutische Selbstkommunikation zu verstehen als ein inneres Gespräch, in dem „ich“ mit „mir selbst“ spreche, wirft Fragen auf. Wer spricht denn da nun mit wem? Die Übertragung des sprechwissenschaftlichen Gesprächsmodells als „wechselseitig intentionale Verständigungshandlung“ (GEISSNER) wirft ebenfalls Probleme auf. Denn das Selbst spricht nicht mit Worten wie ein realer Mensch. Vielleicht wäre es zutreffender, an die Stelle des Selbst den Begriff „Organismus“ zu setzen… Ist Selbstkommunikation wirklich ein innerer Dialog? Und wenn ja, wo liegen dann die therapeutischen Möglichkeiten eines bewusst gestalteten inneren Gesprächs?
Zur Differenzierung verschiedener Prozesse soll die Unterscheidung verschiedener Formen der Selbstreflexion dienen: als monologische Selbstreflexion folgt sie einfach einem bestimmten Gedankengang, als dialogische Selbstreflexion ist sie eingebettet in ein Gespräche zwischen zwei Personen (von denen die eine die andere zum Nachdenken über sich selbst anregt), als virtuell dialogische Selbstreflexion zeigen sich Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede. Eine echtes Gegenüber fehlt, kann aber gewissermaßen künstlich geschaffen werden. Das Konzept des „Hilfs-Ich“ im Psychodrama, das sich als echte Person stellvertretend auf die Bühne holen lässt, realisiert einen inneren Prozess, der die begrenzten Möglichkeiten jener „inneren Stimmen“ erweitert, sich verbal, paraverbal und extraverbal Ausdruck zu verschaffen. Das Modell verschiedener Persönlichkeitsanteile, die mit unterschiedlichen Zielen, Motiven und Einstellungen verbunden sind, bildet ebenfalls die Vorstellung ab, dass ein Mensch „mit sich selbst“ recht uneins sein kann, bis sich im Extremfall eine tiefgehende Spaltung daraus entwickelt.
Betrachten wir solche „inneren Stimmen“ als innere Repräsentationen, die in realen Beziehungen entstanden sind und sich zu Teilsysteme des Selbst entwickelt haben, wird die möglicherweise verwirrende Konzeption eines „inneren Dialoges“ vielleicht etwas klarer.
Wenn ich über etwas nachdenke, kann ich mir ab und zu vorstellen, was der eine oder die andere wohl dazu sagen würde. Wenn ich etwas Bestimmtes tue oder unterlasse, kann ich mir ab und zu vorstellen, wie dieses Verhalten von dem einen oder der anderen wohl beurteilt wird.
Der innere Dialog als innere Repräsentation realer Beziehungen, als imaginäres Gespräch mit Personen, die in ihrer Denkwelt, ihren Vorstellungen, Meinungen, Standpunkten und Anliegen zumindest teilweise bekannt sind, stellt immerhin eine Denkmodell dar, das Prozesse der Selbstkommunikation anschaulicher und plastischer machen kann. Dabei muss allerdings klar sein, dass die Antworten, die in einem solchen imaginären Dialog von den vorgestellten Personen geben, keinesfalls mit dem übereinstimmen müssen, was der Partner, die Mutter, ein Freund oder wen auch immer man sich dabei „denkt“ nun wirklich sagen würde – oder sagen wird, wenn es tatsächlich eines Tages zu einem realen Gespräch mit eben dieser Person kommen sollte.

Focusing: ein Modell therapeutischer Selbstkommunikation?

Läßt sich das Focusing nach Eugene Gendlin als ein Modell therapeutischer Selbstkommunikation nutzen? Focusing könnte man verstehen als einen Dialog zwischen „Kopf und Bauch“ – aber so wie ich Gendlin verstanden habe, verbindet er damit keine Personifizierung des „Bauches“, der nun plötzlich „zu sprechen beginnt“. Dem eigenen Körper Aufmerksamkeit zu schenken bedeutet, Empfindungen und Körpersignale bewusst wahrzunehmen, und das scheint zunächst nichts mit Kommunikation im Sinne eines Gespräches zu tun zu haben. Andererseits zeichnen sich in den „Fragen an den felt sense“ und den Antworten in der Form von Eindrücken persönlicher Stimmigkeit durchaus Elemente des zwischenmenschlichen Dialoges ab. Und das auch dann, wenn Focusing als Selbsthilfemethode angewandt wird, ohne dass ein Therapeut anwesend ist. Fragen, die jemand an sich selbst richtet – was ist das genau, was ich empfinde? – sind ein Impuls an das Bewusstsein, genauer zu beobachten, zu beschreiben, was sich da im eigenen Innern abspielt. Als Antworten zeigen sich Signale, die es wiederum zu verstehen gilt.

Okay, das versuche ich jetzt mal… ich frage mich, ob ich das Focusing nun wirklich als einen inneren Dialog verstehen kann… bemerke ein „inneres Kopfschütteln“, das mir signalisiert, dass ich damit nicht so ohne weiteres einverstanden bin… versuche ich es mit der Formulierung „Focusing ist eine Anleitung zur Selbstwahrnehmung“ fühlt sich das Ganze eher „rund“ an. Suche ich nach einem einfachen Beispiel und stelle mir vor, dass mein Körper mir signalisiert, wenn ich hungrig oder müde bin, dann sehe ich die Reaktion, bei Bedarf eben Nahrung zu mir zu nehmen oder schlafen zu gehen, als „gesund“ an. Was mir dabei einfällt, ist die Haltung, die Gendlin mit dem Focusing verbindet. „Nun wollen wir das Gefühl einmal begrüßen…“ – mit solchen Formulierungen (…und jetzt zögere ich einen Moment und taste nach Worten…) wird eine wohlwollende Zuwendung zum eigenen Körper, zum eigenen inneren Erleben entwickelt und gefödert. Vielleicht besteht das eigentlich Therapeutische an dieser Methode mehr in der Haltung als in den konkreten Fragen, die jemand an sich selbst richtet? Gehe ich von der Vorstellung aus, dass ein „gutes Gespräch“ etwas damit zu tun hat „sich gegenseitig ernst zu nehmen“, so wie es in der Sprecherziehung als Regel für das Klärungsgespräch formuliert ist, dann gibt es eben doch Parallelen – denn Focusing bedeutet, Signale des Selbst, Signale des Körpers ernst zu nehmen. Ein Gespräch im strengen Sinn ist es aber nicht.

Als Ergebnis meines kleinen Selbstversuches schreibe ich also: Focusing ist ein Beispiel für monologische Selbstreflexion, das Therapeutische zeigt sich darin eher in der Haltung, die ein Mensch zu sich selbst einnimmt.

Der innere Berater: Fiktion oder Therapeutenersatz?

Wenn ich hier den inneren Berater erwähne, dann meine ich damit einen Teil des Bochumer Gesundheitstrainings, in dem eine „wohlmeinende Beraterinstanz“ postuliert wird. Im Fragebogen zum „inneren Berater“ bzw. der „inneren Beraterin“ taucht der Begriff der „inneren Stimme“ auf, die Ratschläge zu allen Lebensbereichen zu geben vermag. Zunächst neige ich dazu, diese Form als virtuell dialogische Selbstreflexion einzuordnen, denn hier wird ja eine Person gewissermaßen konstruiert, für die reale Personen vielleicht Pate gestanden haben, die aber genau genommen natürlich nicht existiert. Die Ratschläge, die der „innere Berater“ gibt, stammen also in diesem virtuellen Dialog nicht wirklich von einer Person. Der Fragende, der sich hilfesuchend dem inneren Berater zuwendet, findet die Antworten in sich selbst. Ist nun dieser innere Berater einfach nur ein Hirngespinst, eine bloße Fiktion, reine Einbildung? Ist die innere Stimme, die da jemand zu hören glaubt, schon ein Hinweis auf psychoseähnliche Zustände?
Die Beschreibungen im Bochumer Gesundheitstraining sind hier sehr aufschlußreich. Da wird nicht von mysteriösen Gestalten berichtet, die aus dem Nichts auftauchen und schlaue Tipps orakeln… Erhard Beitel (der Autor des Gesundheitstrainings) beschreibt einen Mann, der an sich selbst Symptome wahrnimmt, sich im Beruf bereits überfordert fühlt, ein interessantes Angebot bekommt und sich auf einem langen Spaziergang Gedanken darüber macht, ob er dieses Angebot denn nun annehmen soll oder nicht. Aus den Formulierungen lassen sich Rückschlüsse ziehen, welche Vorstellung mit dem Begriff „innerer Berater“ verbunden ist. Dem besagten Spaziergänger „wird etwas klar“. Aus seinem Innern tauchen Antworten und Lösungsmöglichkeiten auf, es ist so, „als ob er eine innere Stimme zu sich sprechen hören würde“. Diese innere Stimme ist das Argument für die Kategorisierung „dialogische Selbstreflexion“, das „als ob“ der Grund für den Zusatz „virtuell“. Die Darstellung (so meine Interpretation) geht von der Vorstellung aus, dass es sich hier um ein Konstrukt handelt, deshalb ist die Bezeichnung des inneren Beraters auch nicht so entscheidend. Einige Parallellen zum Focusing werden deutlich – auch hier geht es darum, sich Zeit zu nehmen und Zeit zu lassen, die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken, Dinge geschehen zu lassen. Die Vorstellung einer inneren Stimme, das Bild eines inneren Beraters fasst Einsichten, Erkenntnisse und Hinweise in Worte – so als ob es eine reale Person wäre.

Sind Therapeuten überflüssig?

Bei alle dem drängt sich die Frage auf, ob Methoden der Selbsthilfe „echte“ Therapeuten im Grunde überflüssig machen. Wenn doch jeder einen inneren Berater – oder einen inneren Therapeuten – in sich trägt, wozu brauchen wir dann noch Leute, die ein langes Studium und Zusatzausbildungen hinter sich bringen? Es gibt einen Aspekt, der bei der Darstellung des Focusing und des Gesundheitstrainings bisher nicht berücksichtigt war. Beide sind eingebettet in einen Gesprächszusammenhang, eingebettet in echte Dialoge. Als dialogische Selbstreflexion im engeren Sinn bezeichne ich also ein Gespräch, in dem eine systematische Anleitung für das Nachdenken über sich selbst erfolgt, in dem die Prozesse und Ergebnisse besprochen und ausgewertet werden können. Überflüssig sind Therapeuten meiner Ansicht nach also wirklich nicht – denn wir können nicht davon ausgehen, dass alle Menschen „einfach so“ in der Lage sind, mit dem Modell des inneren Therapeuten zu arbeiten oder eine Methode wie das Focusing für sich selbst zu nutzen, wenn sie sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden. Manches mag uns „von selbst“ klar werden, anderes nicht. Der Blick von außen, ob es nun „Leidensgenossen“ oder ausgebildete Theapeuten sind, vermag eben so manches aufzuzeigen, das der Selbstwahrnehmung direkt nicht zugänglich ist. Oder gerne vermieden wird, weil es auf irgendeine Art unangenehm ist. Dennoch bleibt das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ wertvoll. Die Idee, durch Übung und Erfahrung zunehmend Fachmann oder Fachfrau „für sich selbst“ zu werden, kann therapeutische Prozesse intensiver gestalten, die Ablösung aus einer therapeutischen Beziehung vorbereiten und Hilfestellungen vermitteln, sich im Alltag zurecht zu finden. Wer den Mut finden kann, sich unangenehmen Empfindungen und Einsichten zu stellen, sie aber auch in konstruktive Prozesse der Selbstreflexion und konkrete Veränderungen in Einstellungen und Verhaltensweisen umzusetzen, gewinnt neue Möglichkeiten, das je eigene Leben zu gestalten.

Literatur:

BEITEL, E. (1999). Bochumer Gesundheitstraining. Ein ganzheitliches Übungsprogramm. Dortmund: Verlag Modernes Lernen.
GEISSNER, H. (1986). Sprecherziehung. Didaktik und Methodik der mündlichen Kommunikation. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Scriptor.
GENDLIN, E. T. (1998). Focusing-orientierte Psychotherapie. Ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode. Pfeiffer, München 1998

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